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Vor 140 Jahren starb Leopold von Ranke, „Vater der objektiven Geschichtsschreibung“

von Gerhard Bracke

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Die Werke Leopolds von Ranke galten noch zu Lebzeiten dieses bedeutenden Historikers des 19. Jahrhunderts als allgemeines Bildungsgut. Durch Einführung des Individualitätsprinzips und des Anspruchs auf Objektivität in der Geschichtswissenschaft erwarb Ranke weltweite Anerkennung und prägte in seinem Fach die Forschung bis ins 20. Jahrhundert hinein. Bekannt ist seine Aussage „Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott“, mit der er die Auffassung von der Ursprünglichkeit der historischen Individualität auf die Formel des Historismus brachte. Denn jede Epoche muß nach Rankes Überzeugung als etwas für sich Gültiges angesehen werden, das seinen Wert in sich hat und nicht als bloßes Übergangsstadium einer Entwicklung zu einem vollendeteren Zustand dient.

Bild: After Julius Schrader, Public domain, via Wikimedia Commons

Aufgabe des Historikers sei es demzufolge, einerseits die „besondere Tendenz“ und andererseits das „eigene Ideal“ jeder Epoche darzustellen. Ranke führte in seinen Schriften zur Geschichtsphilosophie nicht nur das Individualitätsprinzip in die Wissenschaft ein, sondern begründete den Anspruch auf Objektivität in der Geschichte, die nicht über „die Vergangenheit richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre belehren“ sollte, sondern bloß zu zeigen hat, „wie es eigentlich gewesen ist“. Damit wurde Ranke zum Geschichtsforscher, der für seine Arbeit die Sachlichkeit zum obersten Grundsatz erhob.

Am 21. Dezember 1795 in Wiehe an der Unstrut geboren, studierte Leopold von Ranke 1814 bis 1818 Philosophie und Theologie an der Universität Leipzig, war von 1818 bis 1825 Gymnasiallehrer in Frankfurt an der Oder und veröffentlichte bereits wissenschaftliche Arbeiten über historische Fragen, die großes Aufsehen in der Fachwelt erregten. Sodann erhielt Ranke 1825 einen Ruf als außerordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Berlin. In den Jahren 1827 bis 1831 war der junge Gelehrte mit gründlichen Quellenstudien in den Archiven Wiens und einer Reihe italienischer Städte beschäftigt. Ranke legte mit diesen Quellenstudien historischer Urkunden den Grund für sein umfassendes Wissen auf dem Gebiet der europäischen Geschichte.

Seit 1834 Ordinarius, nahm Ranke außerdem von 1832 bis 1836 als Schriftleiter und Herausgeber der „Historisch-politischen Zeitschrift“ auch Stellung zu geschichtlichen Tagesfragen. Seinen Lehrstuhl hatte Leopold von Ranke bis 1871 inne und leitete danach die Herausgabe seiner eigenen Werke. Ranke starb am 23. Mai 1886.

Erwähnt werden muß auch Rankes Tätigkeit als Historiograph des preußischen Staates mit der Aufgabe, die Quellen für eine Geschichte Preußens zu sichten. Insgesamt 21 Bücher über preußische Geschichte veröffentlichte Ranke in der Zeit von 1841 bis 1874. Vorausgegangen war die Geschichte des Papsttums im 16. und 17. Jahrhundert in drei Bänden sowie eine sechsbändige deutsche Geschichte im Reformationszeitalter. Mit der Darstellung der französischen und englischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts und einer bis zum Ende des Mittelalters reichenden Weltgeschichte umfaßt Rankes Lebenswerk 54 Bände, eine literarische Leistung höchsten Ranges!

Gemäß dem Grundsatz, zu sagen, „wie es eigentlich gewesen sei“, soll dem Leser der Rankeschen Werke die Beurteilung eines Zeitabschnittes selbst überlassen bleiben. Mit der Forderung nach Objektivität in der historischen Darstellung hoffte der quellenkritische Geschichtsforscher Tendenzen zu überwinden, die teilweise in der Geschichtsphilosophie verbreitet waren. Das gilt heute in besonderem Maße für den Mißbrauch der Geschichte zu volkspädagogisch opportunen politischen Zwecken. Ranke wollte seine Leser nicht bevormunden, er war vielmehr überzeugt, daß sie durch Übermittlung historischer Tatsachen ihr eigenes Urteil zu bilden imstande wären. Die Vergangenheit gilt es aus der Vergangenheit heraus zu verstehen, nicht aber von der Gegenwart aus zu werten, wie heute oft und vielfach üblich. Folgerichtig schließt Rankes Geschichtsbetrachtung jedes der Gegenwart entnommenes moralisches Werturteil aus.

Wie kein anderer Geschichtsforscher vor Ranke hat dieser für die Dokumentation seiner geschichtlichen Abhandlungen ein Quellen- und Urkundenstudium in Archiven und Bibliotheken betrieben. Dabei stieß er auf Urkunden, von deren Existenz bis dahin nichts bekannt war und wies andererseits Fälschungen nach, die bisher als geschichtliches Dokument galten. Ihm lag daran, das Wesentliche einer Epoche oder die Charakterzüge eines Volkes herauszuarbeiten und anschaulich darzustellen.

Historiker von der Größe, dem Wissenshorizont und der tatsachenorientierten Sachbezogenheit eines Lepold von Ranke gibt es heute nicht mehr. Desto mehr gilt es, jenen Repräsentanten ihres Faches im In- und Ausland Aufmerksamkeit zu schenken, die sich immer noch den Ansprüchen Ranke verpflichtet fühlen und diese Haltung mutig in ihren Werken vertreten.

Leopold von Ranke – Zitate

Jedes Jahrhundert hat die Tendenz, sich als das fortgeschrittene zu betrachten und alle andern nur nach seinen Ideen abzumessen.


Die glücklichen Zeiten der Menschheit
sind die leeren Blätter im Buch der Geschichte.


Wollt ihr die Unterschiede vernichten,
hütet euch, daß ihr nicht das Leben tötet.


Eine große Persönlichkeit bemerkt man nicht allein wenn sie
gegenwärtig ist; man wird ihren Wert oft dann noch mehr inne,
wenn die Stelle leer ist, die sie einnahm.


Immer zieht die Macht auch das Geld an.
Es ist vergeblich, die menschlichen Leidenschaften
durch Vorstellungen ihrer Folgen im Zaum halten zu wollen.


Siege werden bald erfochten,
aber ihre Erfolge zu festigen, das ist schwer.

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Erschienen in Mensch und Maß 2026/05, Seite 244

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