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Philosophie
Vom Christentum über den Monistenbund zu den Mahnworten
Philosophie
Christentum im Elternhaus
Mathilde Ludendorff, damals noch Mathilde Spieß, war in einer Pfarrfamilie aufgewachsen, eigentlich – so meint man – eine denkbar schlechte Voraussetzung, um sich vom Christentum zu lösen.

Prof. Bernhard Spieß, der Vater Mathilde Ludendorffs Bild: Verlag
Doch der Vater war ein äußerst gebildeter Mann; er hatte ein Doktorexamen in orientalischen Sprachen abgelegt sowie Teile des Korans und des Talmud übersetzt; er war vertraut mit dem Zahlenaberglauben der Kabbala, gab Unterricht im Hebräischen und besaß reichhaltige indologische Kenntnisse. Seine wissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiet der Religionsschriften hatten jedoch zu Ergebnissen geführt, die bei den Kirchenoberen unerwünscht waren und ihn frühzeitig „das Ausmaß der Geistesknebelung von Seiten der protestantischen Inquisition“ kennenlernen ließen. So manches seiner Werke, Ergebnisse jahrelanger Arbeit, verschwand, wie auch sein religiöses Vermächtnis, welches nach seinem Tod seiner Frau hätte übergeben werden sollen. Ebenso wurde ihm die Zerstörung seiner beruflichen Existenz (hauptsächlich als Gefängnisseelsorger) bei Veröffentlichung bestimmter Einsichten angedroht. So erlebte also schon Mathilde Spieß‘ Vater eine Abart der uns heute so maßregelnden politischen Korrektheit.
Er hatte zudem während seines Studiums – ebenso wie sein Bruder – mit religiösen Zweifeln zu kämpfen gehabt, stand sehr vielen biblischen Aussagen kritisch gegenüber und hatte – was in Pfarrfamilien außergewöhnlich gewesen war – zusammen mit seiner Frau ein Familienleben geschaffen, in dem „das Christentum in deutscher Verbrämung“ gelebt, also eng verbunden war mit gemütstiefem Erleben und deutschen Charaktereigenschaften, mit „heidnischem“ Frohsinn und „heidnischem“ Vertrauen auf die eigene Kraft. So hatte es die Mutter z.B. durchgesetzt, daß statt des sonntäglichen Kirchganges Spaziergänge in die freie Natur unternommen wurden; sie sei seit je mehr Heidin gewesen, als sie dies selbst erkannt habe, schreibt ihre Tochter später über sie. Den Predigten wohnte die Familie hauptsächlich dann bei, wenn sie vom Vater gehalten wurden, was wohl nicht so häufig geschah.
Mit ihm konnte Mathilde Spieß auch zeitlebens offen über ihre Glaubenszweifel sprechen, wenn er auch nicht alle ihre Gedankengänge folgerichtig bis zu Ende mit durchdenken mochte oder konnte. Ihre Zweifel nahmen während ihrer Ausbildung zum Lehrerinnenberuf zu und mehr noch mit der anschließenden Verpflichtung, Religionsunterricht zu erteilen. Als sie wenig später ihrem Vater auf Spaziergängen mitteilte, sie wolle Medizin studieren, u.a. auch, weil sie als Lehrerin keine Religion mehr unterrichten könne, „das wäre die furchtbarste Heuchelei“, sie habe „beim Unterrichten allen Dogmenglauben verloren“, die Fragen der Kinder hätten dafür gesorgt, da habe ihr der zunächst erschrockene Vater von der Entstehung der Bibel und den indischen Entlehnungen erzählt und davon, wie in sie so viele aus anderen Kulturkreisen stammende Lehren aufgenommen wurden, daß sie zu einem Gemisch geworden sei und viel Minderwertiges enthalte. Er berichtete ihr während dieser Gespräche „von hochstehenden buddhistischen Lehren, zeigte die Verwandtschaft Zoroasters mit den Veden“ und erklärte ihr, „wie das apostolische Glaubensbekenntnis entstanden sei und von der Orthodoxie mißbraucht werde als Kerker für die Geistesfreiheit“. Und zum Schluß sagte er, „daß er den ‚Jehowahschwindel‘ ebenso wie sehr viele dogmatische Vorstellungen scharf ablehne, sich aber dennoch Christ nenne, weil er an vielen christlichen, aus Indien übernommenen Morallehren festhalten könne.“
Gerade die meisten christlichen Morallehren waren es aber, die Mathilde Spieß so kritisch sah.
Die aufgeschlossene Haltung ihres Vaters, so schreibt sie weiter, ließe sie jedoch ahnen, wie sein religiöses Vermächtnis gelautet haben könnte; denn er habe auch Verständnis gezeigt, als sie und ihre Schwester Lina ihm mitteilten, daß sie sich nicht kirchlich trauen ließen, und als sie im Frühjahr 1906, einem Dreivierteljahr vor seinem plötzlichen Tod ihm erklärte, den Kirchenaustritt nicht länger verschieben zu können, weil sie schwanger sei und ihr Kind „nicht in anderer Überzeugung aufziehen könne, als sie hätte“. Seine Antwort habe ihr gezeigt, wie weit er sich seit ihren ersten Gesprächen vom Bibel- und Kirchenchristentum entfernt hatte; denn er habe betont, daß für ihn das Wesentlichste sei, daß der Mensch es mit seiner religiösen Überzeugung sehr ernst nehme, was zu seiner Freude bei seiner Tochter und ihrem Mann ja der Fall sei. Mit diesen Worten wertete der Vater die unbedingte Ehrlichkeit seiner Tochter in Glaubensfragen höher als den Glauben an das christliche Dogma.

Erfahrungen im Monistenbund
Mathilde Spieß hatte zwar den Lehrplan und die größtenteils stumpfsinnige Ausbildung zum Lehrerinnenberuf heftig kritisiert, jedoch das Unterrichten der Kinder geliebt. Deshalb, aber auch angetrieben – wie sie immer wieder schreibt – von einem unklaren ernsten innerseelischen Mahnen wie an eine vergessene Pflicht, entschloß sie sich, den Kindern, die nicht im Christentum aufgezogen wurden und die man damals „Dissidentenkinder“ nannte, einen Ersatzunterricht für die Religionsstunden zu geben. An diesem sollte dann später auch ihre kleine Tochter teilnehmen können, wenn sie das richtige Alter hätte.
Die meisten der wenigen Nichtchristen zu ihrer Zeit waren entweder „Naturforscher, Ärzte oder zumeist aufrechte Arbeiter gewesen, die in den ernsten Fragen des Glaubens auch ernst und ehrlich dachten.“ Die Naturwissenschaftler hatten sich damals auf Ernst Haeckels Anregung hin zum sogenannten „Monistenbund“ zusammengeschlossen und Mathilde Spieß, nun verheiratete von Kemnitz, war mit ihrem Mann unter den ersten Mitgliedern gewesen. Unter dem Monismus versteht man eine diesseitige, naturwissenschaftliche Weltanschauung, die ohne einen Schöpfer, einen Offenbarungs- und Wunderglauben auskommt. So setzte sich der 1906 gegründete Monistenbund zusammen mit anderen freigeistigen Verbänden für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse, für eine weltliche Ethik und gegen christlichdogmatische Überzeugungen ein.
Mathilde von Kemnitz wandte sich zunächst an eine freireligiöse Gemeinde, die die Nichtchristen nicht nur unter den Naturwissenschaftlern, sondern aus allen Kreisen des Volkes sammelte. Aus ihren Lebenserinnerungen läßt sich nicht ganz genau herauslesen, ob diese auch zum Monistenbund gehörte, vermutlich aber schon. Dessen Vorstand bot sie an, den Kindern kostenlosen Unterricht zu erteilen, was zunächst hocherfreut angenommen wurde.
Ein „wie ein Messias gefeierter jüdischer Lehrer“ gab für diese freireligiöse Gemeinde den Kindern im Stadtzentrum Unterricht, so berichtet Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen; er verlangte, daß die junge Frau seinem Unterricht zuhören solle, bevor sie die Kinder der äußeren Stadtteile unterrichtete. Zu ihrem Erstaunen und Entsetzen war die biblische Geschichte von Moses als „dem größten Gesetzgeber der Menschheit“ der Unterrichtsstoff. Es wurde ihr klar, daß sie einen ganz anderen Sagenkreis wählen wollte und begann mit der Siegfriedsage. Außerdem enthielt das freireligiöse Lehrbuch völlig unbrauchbare und moralisch tiefstehende Lehren wie: „Kinder laßt uns höflich sein, es kostet nichts und bringt was ein“. Ihre Eigenwilligkeit blieb dem anderen Lehrer nicht lange verborgen; er versuchte sie zu beeinflussen und als das erfolglos war, schwärzte er sie beim Vorstand an, der ihr zu Beginn ja vollständige Selbständigkeit versprochen hatte. Am Morgen vor der Vorstandschaftssitzung, bei der sie sich rechtfertigen sollte, schrieb sie spontan 15 Mahnworte für die Kinder auf, mit denen sie die moralische Gesamthaltung von Christen sowie des Alten und Neuen Testaments übertreffen wollte.
Diese Mahnworte erschreckten den anderen Lehrer derart, daß er ganz aufgeregt wurde und verlangte, daß diese nicht im Unterricht verwendet werden sollten. Dabei gab er zu, daß sie gut wären, aber derartiges „von ihm“ erwartet würde; zudem warf er ihr vor, in seinen Machtbereich eingedrungen zu sein und forderte sie auf, sich anderswo einen eigenen Kreis zu schaffen.
Daraufhin knickte der Vorstand ein, der zunächst froh gewesen war, endlich ein kleines Hilfsmittel für den Unterricht zu besitzen, das der Umwelt klarmachen würde, daß auch nichtchristliche Kinder zu ernster Moral angehalten würden. Und da sich Mathilde von Kemnitz, wie sie schrieb, niemals knebeln lassen wolle, gab sie die ihr inzwischen liebgewordene Tätigkeit wieder auf.
Doch blieb ihr die Erinnerung daran, wie mühelos sie die 15 Mahnworte aufgeschrieben hatte, die sie zwar zum Zeitpunkt des Verfassens der Lebenserinnerungen nicht mehr fand, die aber - wie sie schreibt - inhaltlich den, Jahre später (1929) niedergeschriebenen, zehn „Deutschen Mahnworten statt Geboten vom Sinai“1 sehr nahekamen.
Das philosophische Lexikon (Kröner) schreibt übrigens zum Monismus, daß dieser dem Materialismus nahestehe. Dies mag neben obiger Erfahrung ebenfalls einer der Gründe gewesen sein, die Mathilde von Kemnitz keine Ruhe ließen und sie und ihren Mann bewogen, nach einigen Jahren aus dem Monistenbund wieder auszutreten; später wurde ihr klar, daß dieser in Wirklichkeit für ganz andere Zwecke als angegeben benutzt wurde: nämlich Sammelbewegung für überstaatliche Ziele zu sein.
Mahnworte
Die 10 Mahnworte klingen mit ihrer Klarheit und Absolutheit in unserer heutigen, von Toleranz, Relativismus, Werteumkehr und völlig anderen Themen geprägten Zeit nicht nur ungewohnt sondern auch überholt. Doch es lohnt sich ein genauerer Blick auf sie und sogar ein kurzer Vergleich mit den „Geboten vom Sinai“.
Zunächst fällt auf, daß anstelle des christlichen „du sollst“ ein „sei“ getreten ist. Damit soll ausgedrückt werden, daß es sich hierbei nicht um eine unbedingt einzuhaltende Vorschrift oder ein Gesetz handelt, sondern um auf Freiheit und Freiwilligkeit beruhende Verhaltensweisen, wie sie für die Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs kennzeichnend sind. Sie nennt das „du sollst“ an anderer Stelle auch einmal „seelentötend“, weil es etwas verlangt, was niemals durch Lohn oder Strafe erreicht oder mit einem Zweck verbunden werden darf. Solches entwertet das Wesen dieser Empfehlungen, die dem Gebiet der Moral zuzuordnen sind. Diese dürfen im Unterschied zum Sittengesetz zur Selbst-, Sippen- und Volkserhaltung niemals erzwungen werden, wie es das Christentum tut und weder durch die Aussicht auf Belohnung noch durch die Furcht vor Strafe erreicht werden. Das stärkt nur die Unvollkommenheit des Selbsterhaltungswillens, seine Leidscheu und sein Glücksstreben, und führt zu Heuchelei und Unehrlichkeit. Sie dürfen daher nur aus eigenem innerem Antrieb und nur um ihrer selbst willen befolgt werden.
Die Mahnworte wurzeln in unserer Volksseele, sie entsprechen ihrem Wesen. Alles, „was die Rassetugenden2, der Selbsterhaltungswille und der Gotterhaltungswille der Volksseele uns ans Herz legen“, wurde in ihnen zusammengefaßt. Sie sind eine große Hilfe beim Erziehen eines Kindes, sofern die oben angedeuteten Grenzen der Moral (Freiwilligkeit) eingehalten und sie natürlich auch vom Erzieher als Vorbild gelebt werden. Mahnworte können so die charakterliche Selbstgestaltung und Selbstentfaltung unserer Kinder und Jugendlichen, ja sogar noch die der Erwachsenen fördern, wenn sie verinnerlicht werden. Sie lauten:
Sei Deutsch3!
Sei wahr!
Sei stolz!
Sei zuverlässig!
Sei stark!
Sei furchtlos!
Sei beherrscht!
Sei bewußt deines Blutes!
Sei herzeigen dem Volke! Sei Feind seinen Feinden!
Sei Hilfe dem Edlen! Sei Vernichtung dem Bösen!
„Was dieses Deutsch-Sein im Sinne der Volksseele nun vor allem enthält, ist … in den neun anderen Mahnworten ausgedrückt“, so beschreibt die Philosophin ganz einfach die Frage nach dem Wesen des Deutschen. „Sei Deutsch“ ist somit nicht anderes als die Zusammenfassung der übrigen neun Empfehlungen.
Jedes Volk besitzt angeborene Tugenden und ererbte Schwächen. Mit den zwei folgenden Mahnungen möchte Mathilde Ludendorff die Tugenden ansprechen. Sie sind Kraftquellen und führen am selbstverständlichsten und unmittelbarsten zum Göttlichen hin, weil sie den tief in der deutschen Seele ruhenden Wahrheitswillen ansprechen. „Sei wahr“ ist daher auch das erste ihrer Mahnworte. Ein Zuwiderhandeln dieser in ihm angelegten Tugend läßt den Deutschen daher schneller seelisch verkommen als Mitglieder anderer Völker, bei denen der Wahrheitswille nicht so tief verankert ist. In der Bibel, dem sogenannten „Wort Gottes“, werden dagegen List und Lüge (Jakob) um bestimmter Ziele willen angewendet; die Fremdlehre gewöhnt ihren Anhängern damit ein widergöttliches Verhalten an und trägt zum Seelenmord bei. Mathilde Ludendorff schreibt weiter, daß dieses Mahnwort nicht nur bedeutet, die Lüge zu meiden, sondern vor allem auch, überall nach der Wahrheit zu forschen, um hinter die Absichten der anderen zu kommen. Außerdem: „Wahr sein heißt aber auch, nicht eigene Ziele töricht hinausplappern vor Menschen, die solches Vertrauen mißbrauchen würden“ … „Für den Listreichen ist die Schwatzhaftigkeit am Platze, für den Wahren aber die Wortkargheit“.
„Sei stolz“ klingt für den, der mit der vom Christentum angeordneten Demut vertraut ist, zunächst ungewohnt. Auch für andere Gedankenlose ist Stolz nicht unbedingt eine positive Eigenschaft. Doch diese Seeleneigenart hängt „tief und ursächlich“ mit dem göttlichen Willen zur Wahrheit zusammen und ist seine Kraftquelle. Dieser Stolz wird daher von der Philosophin auch Gottesstolz genannt; er ist mit Würde, Freiheit und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, verbunden.
Wesentlich sei, daß zum Stolz nicht nur gehöre, daß man von anderen nichts Unwürdiges erträgt, sondern auch und vor allem in der eigenen Seele nichts Unwürdiges duldet. Darin liege, so die Philosophin, die sittliche Kraft, die den Menschen vor „aufgeblasener Eitelkeit und unberechtigter Selbstüberschätzung“ bewahrt.
Diesen Freiheitsrechten und allem göttlichen Wollen muß jedoch – so heißt es weiter – die unerbittliche Forderung der Pflichterfüllung an Sippe und Volk klar zur Seite stehen; andernfalls droht Volksuntergang. Der Zwiespalt zwischen Pflicht (der freiheitsliebende Stolz wehrt sich gegen das „Müssen“) und Freiheit kann durch die Freiwilligkeit gelöst werden, indem die Notwendigkeit eingesehen wird. So trägt der Stolz dazu bei, „daß die Seele mehr und mehr nichts Unwürdiges, Schlechtes, Niedriges in sich selbst duldet“ oder abwehrlos erträgt und wird zum sittlichen Halt für die Volksgemeinschaft.

„Sei zuverlässig“ ist eine Mahnung, die eng verbunden ist mit dem Mahnwort „sei wahr“. Das Wort „treu“ wurde von der Philosophin bewußt nicht gewählt, da sie die wahllose Treue als Erbschwäche erkannte. Vor allem Eide beurteilt sie sehr kritisch, weil sich damit oft Ahnungslose an Volksverräter oder Volksfeinde gebunden haben und benutzt wurden, Volksretter oder Volkserhalter zu verfolgen. Diesem Verhalten liege jedoch als tiefster Ansporn eine Erbtugend zugrunde, die Mathilde Ludendorff den Menschen nun als möchte. Treu könne zudem ein Mensch nur dem Göttlichen selbst sein; er geriete in ernste Konflikte, wenn irgendein Mensch von ihm Treue erwartet und sich dann widergöttlich verhält. Das Wort Zuverlässigkeit mahne aber auch, sich gründlich zu überlegen, welche Versprechen man abgibt und welche man auch wirklich halten könne. Das fordert Offenheit und Ehrlichkeit, auch wenn sich der Versprechende getäuscht sieht oder einem Irrtum unterlegen ist und sein Versprechen zurücknehmen muß. Dies müsse geschehen, bevor sich der andere auf ihn verläßt. „Solche Zuverlässigkeit sichert die Volksgemeinschaft, sichert die Volkserhaltung und schafft Vertrauen.“
Innig verwoben mit dem Stolz seien die folgenden drei in Mahnworte gefaßten Eigenschaften: „Sei stark“, „sei furchtlos“, „sei beherrscht“.
Mit „Sei stark“ ist vor allem die seelische Stärke gemeint, die einen Menschen dazu bewegt, sich mit dem Göttlichen in Einklang zu bringen. „Sie gibt die innere Haltung dem gesamten Erleben allen innerseelischen und allen Umwelteinflüssen gegenüber“. Dies ist verbunden mit Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, mit Selbstkritik, die nichts im Nachhinein schönredet.
Und so betont die Philosophin, daß es nicht die Teufel der Religionen sind, die einen Menschen in Versuchung bringen, sondern die oft gedankenlosen Wünsche nach Lust und Glück, die von seiner Seele selbst ausgehen und ihre Ursache im unvollkommenen Selbsterhaltungswillen haben. „Sei stark“ bezieht sich auch auf die Haltung gegenüber dem Schicksal, das ja manchmal hart sein kann. Kein Jammern und Klagen, sondern beherrschtes Ertragen eines seelischen oder auch körperlichen Schmerzes gehört zum deutschen Wesen. Dies widerspricht sehr den Anweisungen vieler Psychologen, die meinen, man solle seinen Schmerz herausschreien und Gefühlen ungezügelt ihren Lauf lassen, denn das würde die Seele erleichtern oder gar befreien, auch in Gegenwart anderer. Den Seelenärzten, die solches Verhalten empfehlen, ist die Unterschiedlichkeit der Ausdrucksform inneren Erlebens der einzelnen Völker vielleicht unbekannt, vielleicht wollen sie aber auch bewußt die Würde, den Stolz und die Selbstbeherrschung treffen.
„Sei furchtlos“, so lautet das nächste Mahnwort. Furchtlosigkeit grenzt Mathilde Ludendorff deutlich vom Mut ab. Auch diese Unterscheidung ist nicht immer geläufig. Sie schreibt, daß einer der mutig ist, nicht unbedingt auch furchtlos sein muß. Der Unterschied liege darin, daß der Furchtlose eine Gefahr wirklichkeitsgemäß einschätzt und ihm auch die Folgen bis ins letzte klar sind, während der Mutige glaubt, vor diesen geschützt zu sein, sei es durch Gebete, Amulette oder ähnliches oder der durch Eitelkeit und Ruhmsucht zur Tat angetrieben wird. So ist Furchtlosigkeit immer dem Mut überlegen. Durch Angst und Verängstigung, wie sie auch Religionen erzeugen, können Menschen zudem abhängig und lenkbar gemacht werden.
Unmittelbar mit dem Stolz, also der aufrechten inneren Haltung vor sich selbst und anderen, ist das Mahnwort „sei beherrscht“ verbunden. Selbstbeherrschung heißt nichts anderes, als über sich selbst zu herrschen. Dies ist ein ganz wichtiges Erziehungsziel (Willenszucht/Willenserziehung), wenn nicht vielleicht sogar das wichtigste. Es geht dabei um die Zügelung des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens. Das ist völlig „aus der Mode gekommen“. Immer wieder erlebt man z.B. beim Einkaufen wütend schreiende Kinder, die unbedingt ihren Willen durchsetzen wollen, was meistens auch gelingt, schon weil die betreffende Mutter sich nicht den Anschein einer Rabenmutter geben will. Uferlose Willenskämpfe durchziehen deren Alltag. Sie sind es, die so manche Menschen Kinder als Plage empfinden lassen. Eltern, die keine Willenserziehung (Gleichmäßigkeit/Konsequenz und Selbstbeherrschung) ausüben, nehmen den Kindern nicht nur einen Gutteil ihres „Vorfeiertags des Lebens“, sondern erschweren ihnen später auch das Leben in Schule und Beruf. Selbstbeherrschung kann zwar in höherem Alter noch gelernt werden, das ist dann aber viel schwerer. Unbeherrschtheit stößt nicht nur die Umgebung ab, sondern macht den Menschen auch berechenbar und lenkbar. Selbstbeherrschung hat jedoch nichts mit Verstellung zu tun, die eine Abart von Lüge und Unwahrhaftigkeit ist. Sie muß immer im Einklang mit dem Göttlichen, im Einklang mit dem Mahnwort „sei wahr“ stehen.
Ein Beherrschter schwatzt auch nicht alles vor unwürdigen Menschen heraus oder vor Feinden, mahnt die Philosophin und folgert: „Eben weil er (der Beherrschte) aber in jeder Richtung, also auch in allen Triebwünschen, beherrscht ist, weil er weder in seinem Minneleben zügellos ist, noch aber sich durch Rauschgifte zerstört, die seine Selbstbeherrschung und seine Klarheit lähmen, so ist er bei aller Wahrheit und Echtheit dennoch unbesiegbar, unantastbar, nie zu überlisten von listreichen, verkommenen Menschen.“ Damit wird gleichzeitig auch die deutsche Erbschwäche der Vertrauensseligkeit im Zaum gehalten.
Wichtig ist es für die Philosophin, den jungen Menschen aber noch ein Mahnwort des Selbsterhaltungswillens der Volksseele mitzugeben. Es lautet „sei bewußt deines Blutes“ und bedeutet für uns nichts anderes als „vergiß nicht, daß du ein(e) Deutsch(e)r bist“. Damit verbunden ist ein genaues Kennen angeborener Erbschwächen, die bekämpft und Stärken, die gefördert werden sollen. Diese stehen heute in völligem Gegensatz zu den von Staat und Religion beworbenen, erwünschten oder sogar schon erzwungenen „Tugenden“. Dieses Mahnwort hat einen ganz anderen Ansatzpunkt, weil es von Angeborenem ausgeht. Es möchte bewußt das erhalten, was in Jahrtausenden gewachsen ist und wendet sich gegen die Zerstörung dieses Gewachsenen innerhalb weniger Jahrzehnte. „Das Mahnwort der Volksseele ist ewig notwendig dank der Unvollkommenheit der Menschen, die sich keinesfalls von den Erbtugenden restlos das Handeln gestalten lassen möchten. Das Mahnwort ist nötig, solange Lüge, Sklavensinn, Unzuverlässigkeit, Schwäche, Angst und Unbeherrschtheit im Deutschen Volk möglich sind, d.h. also immer“, so die Philosophin.
Der Selbsterhaltungswille der Volksseele möchte daher auch das Gefühl im Sinne der Volkserhaltung lenken und mahnt: „Sei herzeigen dem Volke! Sei Feind seinen Feinden“, und zwar unbekümmert um den Undank der Zeitgenossen. Feinde sind solche, die das Leben eines Volkes oder seine Freiheit bedrohen. Ausdrücklich spricht sie hier von der Herzeigenheit zum Volk als einer überzeitlichen Einheit und nicht von der zu den Volksgeschwistern. Den Grund nennt sie mit den letzten beiden Mahnworten, die wieder den deutlichen Bezug zum Göttlichen herstellen. Sie lauten: „Sei Hilfe dem Edlen!“–„Sei Vernichtung dem Bösen!“.
Denn Feinde können sowohl von innen wie von außen kommen. Verkommene Menschen gibt es unter den eigenen Landsleuten ebenso wie unter den Fremden. Das gleiche gilt für das Verhältnis zur eigenen Sippe. Auch ihr gegenüber darf es keine wahllose Liebe geben. Sippenvergottung bzw. „Sippeneitelkeit schließt die Türe zum Volke, Wahlverwandtschaft innerhalb der Sippe aber hält das Tor offen“, so faßt Mathilde Ludendorff ihre Sicht an anderer Stelle kurz zusammen. Die Liebe zum Eigenen schützt außerdem vor einem Wechsel zum Fremden, selbst wenn sich einer dort für einen Edlen begeistert und im eigenen Volk von einem Unedlen abgestoßen wird.
Auch das Ringen des Edlen mit dem Bösen werde sich nie ändern, schreibt Mathilde Ludendorff, da „die Menschen immer unvollkommen geboren werden müssen, um sich frei für oder wider das Göttliche zu entscheiden, das seinem Wesen nach Freiheit ist, deshalb wird auch immer Schlechtigkeit im eigenen Volke möglich sein, Verwurzelung mit der Volksseele gibt den Halt, daß die Schlechtigkeit nicht ins Übermaß wächst wie bei der Entwurzlung durch Fremdlehre“. Da liegt auch der Grund dafür, daß unsere Liebe zu den Volksgeschwistern nicht wahllos sein darf.
Ausdrücklich betont die Philosophin, daß es Vernichtung dem Bösen und nicht Vernichtung den Bösen heißt, denn der Kampf gegen das Böse kann nur mit geistigen Mitteln geführt werden. Allein das Strafgesetz hat das Recht, den Bösen zu bestrafen.
Natürlich wirken alle diese Mahnungen „wie aus der Zeit gefallen“. Aber was kennzeichnet denn unsere Zeit? Doch nichts anderes als die Umkehrung oder sogar Auflösung all dieser Werte durch den Ersatz anderer, fremder, nicht aus dem Innerseelischen des Menschen kommender, sondern künstlich aufgepfropfter, letztendlich völker- und seelenzerstörender Ziele.
Die von Mathilde Ludendorff gewählten Mahnworte, Werte, Ideale, Richtschnüre, Leitlinien, oder wie auch immer man sie nennen möchte, wurden dagegen von ihr nicht willkürlich herausgesucht, sondern entsprechend dem tief in der Seele verankerten Wesen und seinen Fähigkeiten. Sie möchte angeborene Tugenden wecken und stärken. Außerdem greifen sie ineinander, so daß sie eine Einheit ergeben, die die Philosophin dann insgesamt als Deutsch bezeichnet.
Mathilde Ludendorffs Mahnworte können daher die Wurzelfestigkeit der Jugend stärken, ihr durch das Wissen des „Woher“, „Wohin“ und „Wozu“ Sicherheit geben und die Einzelpersönlichkeit reifen lassen, und zwar ohne daß ihr die dafür notwendige Freiheit zur eigenen weltanschaulichen Entscheidung genommen wird.
Literatur:
Mathilde Ludendorff: Lebenserinnerungen, Band 1 und 2,
Mathilde Ludendorff: „Und Du, liebe Jugend“
Mathilde Ludendorff: „Unsere Kinder in Gefahr“

Nachtigall Bild: Pixabay
Die Bäume blühen überall,
die Blumen blühen wieder,
und wieder singt die Nachtigall
nun ihre alten Lieder.
O glücklich, wer doch singt und lacht,
daß auch der Frühling sein gedacht.
Hoffmann von Fallersleben
Anmerkungen
- Mathilde Ludendorff geht im „Triumph des Unsterblichkeitwillens“ (Kapitel Moral des Kampfes ums Dasein) genauer auf die 10 Geboten ein und schreibt, daß von diesen im christlichen Religionsunterricht gelehrten „Grundpfeilern der Moral“ zwei wiederholt werden, und von den restlichen acht ein einziger „ein nicht zweckverzerrter Wunsch der Genialität (ist): das Heilighalten des Sabbats, freilich entwertet durch den Befehl“. Drei Gebote seien „als selbstverständliche Forderungen des Sittengesetzes in unserem Staat durch Strafgesetze geregelt“, eines enthielte eine dogmatische Forderung, zwei weitere durch Lohnversprechungen gänzlich entwertete Wünsche der Genialität, und eines das Verbot der Dämonenbeschwörung. ↩
- Mathilde Ludendorff unterscheidet Rassen nicht nach äußeren, sondern nach seelischen Merkmalen. Rassen sondern sich durch Abwandlungen ihrer Grundeigenarten in Völker: Alle Rassen enthalten in ihrem Erbgut Tugenden und Schwächen. Es gibt daher keine Mehr- oder Minderwertigkeit bei Rassen oder Völkern. ↩
- Mathilde Ludendorff schreibt Deutsch in diesem Zusammenhang immer mit einem Großbuchstaben ↩
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