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Alle Beiträge aus „Mensch und Maß“

Kulturseiten

Musik und Musiker aus Schlesien

von Reiner Gudemann

Kulturseiten

Bild: Own work based on: Wappen von Schlesien, Public domain, via Wikimedia Commons

Schon Johann Wolfgang von Goethe hatte erkannt, daß Schlesien ein „zehnfach interessantes Land“ ist. Das zeigt sich u.a. auch daran, daß hier mehr Wissenschaftler, Dichter und Schriftsteller mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden als in jedem anderen deutschen Landesteil. Deshalb wollen wir die Ausführungen über „Berühmte Persönlichkeiten“ in Mensch und Maß fortsetzen, und zwar mit Musik und Musikern aus diesem so „interessanten Land“. Es handelt sich hierbei jedoch um eine Auswahl, die wegen der Vielzahl von Künstlern keinerlei Ansprüche auf Vollständigkeit zuläßt.

Im ersten Teil hatten wir schon das von den Vorfahren übernommene Liedgut erwähnt, das an den Lichtelabenden im häuslichen Familienkreis oder beim Tanz unter der Dorflinde erklang. Die Entstehung dieses Volksgutes ist zeitlich nur schwer einzuordnen. Bei den geistlichen Liedern sind hingegen ein „Ave Maria“ in das 12. Jahrhundert und eine „Breslauer Marienklage“ in das 14. Jahrhundert einzuordnen. Als frühester Musiker und Schriftsteller ist Nikolaus von Cosel (geboren um 1390 – gestorben nach 1423) zu nennen; seine deutschen Hymnen, „Sprüche und Vagabundenlieder“ sind von wertvollem Gehalt für das schlesische Kulturgut.

Glogauer Liederbuch

Zu dem bedeutenden Kulturgut gehört auch das um 1480 entstandene „Glogauer Liederbuch“. Die Sammlung mit nahezu 300 geistlichen und weltlichen Musikstücken der Spätgotik diente einer klösterlichen Gemeinschaft zur Unterhaltung beim gemeinsamen Musizieren.

Dieses in Europa wohl älteste Werk seiner Art ist in drei Stimmbüchern (Discantur, Tenor, Contratenor), überliefert. Es gehörte ursprünglich zur Berliner Staatsbibliothek und ist „im Zuge des Zweiten Weltkrieges in Polen gelandet“. Die vorliegende Ausgabe ist „in vielfältiger Hinsicht revisionsbedürftig“ und befindet sich heute als Teil der Reihe „Das Erbe deutscher Musik“ in der „Biblioteka Jagiellonska“ in Krakau.

Thomas Stoltzer

1475 – Schweidnitz / 1526 – Znaim (Südmähren)

Thomas Stoltzer war ein Komponist der Renaissance; er gehörte neben Heinrich Finck und Ludwig Senfl zu jenen Musikern ihrer Zeit, die der deutschen Tonkunst zu einer besonderen Wertschätzung verhalfen.

Über Jugendzeit und Ausbildung des Komponisten ist kaum etwas bekannt; erst zum Jahr 1519 läßt sich festmachen, daß er in der Breslauer Stadtkirche für die musikalische Ausgestaltung der Feiertage zuständig war. Stoltzer freundete sich mit den Gedanken der Reformation an, schloß sich ihr offiziell aber nicht an, denn er war auf seine Einkünfte aus den Pfründen des Domkapitels angewiesen.

Auf Wunsch der Habsburger Prinzessin Maria wurde Stoltzer an den Hof nach Ofen (Ungarn) berufen und mit der Leitung der Hofkapelle beauftragt. Hier konnte der Komponist ein hervorragendes Orchester aufbauen; die nun entstandenen Musiken spiegeln einen hohen Leistungsstand dieser Kapelle wider.

Drohender Krieg mit den Türken veranlaßte Stoltzer, Verbindungen zum Herzog Albrecht von Preußen aufzunehmen, der für seine neugegründete Kapelle in der Königsberger Residenz tüchtige Musiker suchte. Doch es sollte für Thomas Stoltzer nicht mehr zu einem Wechsel zum preußischen Hof kommen; sein Bewerbungsschreiben nach Königsberg erhielt nur einen kleinen Kanzleivermerk, der den zwischenzeitlichen Tod des Komponisten vermuten ließ: Wahrscheinlich mußte Stoltzer zusammen mit dem ungarischen Hof vor den sich nähernden Türken fliehen und ist dabei in der Nähe von Znaim in einem Fluß ertrunken.

Mit seiner Musik zählt Thomas Stoltzer zu den bedeutendsten Tonschöpfern seiner Zeit, sein Name war weit hinaus über die Grenzen Schlesiens bekannt.

Samuel Besler 15.12.1574 – Brieg / 19.07.1625 – Breslau

Über den Kantor und Komponisten Samuel Besler ist nur wenig bekannt. Er wird wohl die Schule seiner Heimatstadt besucht haben, an dem sein Vater Rektor war. Ab dem Jahr 1602 übte er an der Hauptkirche St. Bernhardin in Breslau das Kantorenamt aus und war als Schulmeister am dazugehörigen Heiligengeist-Gymnasium tätig.

Samuel Besler schrieb mehrstimmige Weihnachtslieder, Festkompositionen zu besonderen Anlässen und eine Vielzahl kirchlicher Lieder und Motetten. In seinen Choralpassionen zeigt er sich als wichtiger Vorläufer von Heinrich Schütz.

Gerade einmal 50 Jahre alt wurde Samuel Besler ein Opfer der Pest.

Der jüngere Bruder Simon Besler (27.08.1583 – Brieg / 12.07.1633 – Breslau) war ebenfalls Musiker. Er wirkte als Kantor vorübergehend in Striegau (bei Schweidnitz), dann in Breslau und schließlich als Hofmusiker beim Herzog Georg Rudolf in Liegnitz. Die letzten Jahre lebte er bis zu seinem frühen Tod in Breslau. Von Simon Beslers kompositorischem Schaffen sind nur wenige Lieder und eine Hochzeitsmotette erhalten.

Bedrängt von den Nöten einer schwierigen Zeit lebten die Brüder Samuel und Simon Bresler in den eingeengten Gepflogenheiten des protestantischen Kantorentums; ihr musikalisches Schaffen konnte so kaum sichtbare Spuren hinterlassen.

Ambrosius Profe (auch Profius genannt)

12.02.1589 – Breslau / 27. 12.1661 – Breslau

Ambrosius Profe war Organist, Komponist, Musikschriftsteller und Verleger; er hatte in Wittenberg Theologie studiert und erhielt zunächst eine Anstellung als Lehrer in Breslau. Schon konnte er die evangelische Lehrer- und Kantorenstelle in der niederschlesischen Stadt Jauer übernehmen.

Als die katholische Kirche auf die lutherische Reformation mit einer strikten Rekatholisierung reagierte, kam Profe in die schlesische Hauptstadt zurück, eröffnete ein Handelsgeschäft und wirkte als Organist an der Elisabethkirche. Dieser Dienst endete abrupt, als ein Teil der Kirche einstürzte und die Orgel dabei zertrümmert wurde. Bis zu seinem Lebensende widmete Profe sich nunmehr nur noch seinem Geschäft und dem Komponieren. Von seinen Werken sind vor allem ein „Ruhm- und Dank-Liedlein“ und einige Weihnachtslieder von besonderem Interesse. Die eigentliche musikgeschichtliche Bedeutung wird dem Komponisten wegen der Veröffentlichung italienischen Liedgutes zuerkannt; es sind herausragende Musikquellen der damaligen Zeit.

Daniel Speer

02.07.1636 – Breslau / 05.10.1707 – Göppingen

Von dem schillernden, aber vielseitig begabten Komponisten, Musiker, Schriftsteller, Lehrer und Kantor Daniel Speer liegen nur unvollständige Lebensdaten vor. Er besuchte einige Jahre das Gymnasium in Breslau, verlor schon als Kind die Eltern und kam in ein Waisenhaus, aus dem er aber schon bald floh. Er verließ seine Heimat und führte fortan ein unstetes Wanderleben, das ihn bis nach Konstantinopel führte. Irgendwie und irgendwo bekam er eine Musikerausbildung, zog durch Osteuropa und diente während der Türkenkriege zeitweilig als Kriegstrompeter und Heerespauker.

Seit 1665 sind Aufenthalte als Musiker am Pädagogium in Stuttgart sowie als Kantor und Lehrer in Göppingen nachgewiesen. Dazwischen erfolgten Tätigkeiten in Großbottwar bei Heilbronn, in Leonberg und Waiblingen sowie ein Gefängnisaufenthalt wegen der Herausgabe einer politischen Satireschrift. Danach kehrte er als Kantor und Organist sowie als Hilfslehrer an der Lateinschule nach Göppingen zurück. Er verfaßte einige Musikerromane und weitere politische Arbeiten … und blieb hier seßhaft bis an sein Lebensende.

Als Komponist trat Speer mit konzerthaften Kompositionen, einigen Quodlibetsammlungen und mehreren Stücken für Tasteninstrumente hervor. Bleibende Anerkennung verdient das von ihm herausgegebene „Choral-Gesang-Buch, Auff das Clavir oder Orgel“ – es enthält 316 mit Generalbaß versehene Melodien. Große Verdienste erwarb Daniel Speer sich ebenso mit dem musiktheoretischen Werk: „Grundrichtiger kurtz leicht und nöthiger Unterricht der musicalischen Kunst“.

Johann Christoph Pezel

05.12.1639 – Glatz / 13.10.1694 – Bautzen

Der Stadtpfeifer, Kunstgeiger und Komponist Johann Pezel besuchte das Gymnasium im sächsischen Bautzen; dort erhielt er beim Stadtmusikanten seine musikalische Ausbildung. Eine eigene Biographie gibt Hinweise zu den folgenden „Wanderjahren“ mit Aufenthalten in Italien, Mähren und in einem Kloster. Nachgewiesen sind auch Betätigungen als Kunstgeiger, Kirchentrompeter und Stadtpfeifer in Leipzig.

Seine erste größere Komposition widmete Pezel einem „edlen Gönner“, einem einflußreichen Bürger aus Halle. Diese „Leipziger Abendmusik“ mit dem Titel „Musika Vespertina Lipsica“ umfaßt 101 Sätze, die nach Tonarten in 12 Suiten geordnet sind.

Pezel leitete das Collegium Musicum in Leipzig. Als Bewerbungen um das Thomaskantorat und um eine Anstellung als Ratsmusiker in Dresden fehlschlugen, wurde er schließlich Stadtmusikus in Bautzen.

Die Musikschöpfungen des Komponisten Johann Christoph Pezels stehen in der Art der althergebrachten deutschen Suiten und zeigen italienische und französische Einwirkungen.

Daniel Vetter

08.1657 – Breslau / 07.02.1721 – Leipzig

Daniel Vetter studierte in Leipzig und wurde Nachfolger seines Lehrers Werner Fabricius, einem berühmten, aus Schleswig-Holstein stammenden Organisten, an der dortigen Nikolaikirche. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Lebensende inne. Daneben unterrichtete er als Hilfslehrer an der dazugehörigen Schule und wurde – als anerkannter, hervorragender Organist – immer wieder als Orgel-Gutachter angefordert.

Sein zweibändiges Werk „Musikalischen Kirch- und Hausergötzlichkeit“ hatte Vetter einigen Kauf- und Handelsherren gewidmet; es war eines der ersten Melodiebücher, „so durchs ganze Jahr bey öffentlichen Gottesdienst gesungen werden“, wobei zu den 117 vierstimmigen Orgel-Musiken zusätzlich zum Hausgebrauch „eine gebrochene Variation auff dem Spinett oder Clavicordo“ angeführt war. Damit kam Vetter besonders dem evangelischen Freundschaftskreis entgegen, bei dem die Hausmusik oft kirchlichen Charakter annahm.

Neben mehreren Kantaten-Zyklen für das Kirchenjahr sowie vielen Gelegenheitswerken schuf Daniel Vetter u.a. eine humorvolle Hochzeitskantate mit dem Titel: „Eine Debatte über die Angemessenheit der Eheschließung einer Witwe“. Ein großer Teil der Werke wird in der „Sammlung Jacobi“ (Sächsische Landesbibliothek) aufbewahrt und ist nunmehr unter „Musikhandschriften der Fürstenschule Grimma“ katalogisiert.

Silvius Leopold Weiss

12.10.1687 – Grottkau / 16.10.1750 – Dresden

Der Komponist und Lautenist Silvius Leopold Weiss zählt zu den berühmtesten Musikern des Barocks – es heißt sogar, er wäre neben Johann Sebastian Bach einer der wichtigsten Musiker jener Zeit. Die Anerkennung seines Musikspiels und der Qualität seiner Kompositionen wurde und wird noch heute in unzähligen Lobpreisungen festgehalten; und so klingt es durchaus glaubhaft, daß er seinerzeit der am besten bezahlte Musiker am Dresdner Hof war und Angebote anderer Höfe stets ablehnen konnte.

Bild: After Balthasar Denner, Public domain, via Wikimedia Commons

Leopold war Sproß einer Lautenistenfamilie. Der Vater – selbst Lauten- und Theorbenspieler – lehrte seinen Kindern schon in jungen Jahren das Musizieren. Leopold trat im Alter von sieben Jahren als sogenanntes Wunderkind auf.

Der kaum zwanzigjährige Leopold Weiss erhielt eine Anstellung beim Pfalzgrafen Karl Philipp von Neuburg, der in Breslau und Brieg residierte. Von hier aus unternahm Weiss Gastspielreisen nach Berlin, Kassel, Düsseldorf und im Gefolge eines polnischen Prinzen nach Rom. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Prag wurde er schließlich Mitglied der Hofkapelle in Dresden. Am Hofe Augusts des Starken blieb er – unterbrochen von einigen Konzertreisen – bis zu seinem Lebensende.

Den damaligen Herrschaftsrepräsentationen entsprechend wurde Leopold Weiss für mehrere Monate zum preußischen König nach Berlin geschickt. Hier kam es zu einer Begegnung mit dem Kronprinzen Friedrich (später Friedrich der Große), der begeistert von der Musik war. Friedrich und seine Schwester Wilhelmine erhielten nunmehr von dem berühmten Lautenisten musikalischen Unterricht und Einweisungen im Lautenspiel.

Die Zusammenarbeit der Musiker am Dresdner Hof lief wohl nicht immer konfliktfrei ab. Die sonderbarste Anekdote erzählt von einem Geiger, der Leopold in einem Streit einen Daum abgebissen haben soll. Leopolds Gegenwehr muß derart heftig gewesen sein, daß er kurzzeitig in Arrest gesetzt wurde.

Schon zu Lebzeiten genoß Silvius Leopold Weiss in ganz Europa die größte Anerkennung. Könige, Fürsten, Musikerkollegen und Gelehrte zählten zu seinen Bewunderern. Neben musikbegeisterten Angehörigen des Adels unterrichtete er bedeutende Lautenisten der Folgegeneration, so auch den preußischen Kapellmeister Carl Heinrich Graun. Es bestanden direkte Beziehungen zu Johann Sebastian Bach, der eine Lautensonate von Weiss für Violine und Cembalo bearbeitete (BWV 1025).

Ernst Gottlieb Baron

17.02.1696 – Breslau / 12.04.1760 – Berlin

Ernst Gottlieb Baron erlernte schon als Jugendlicher das Lautenspiel; er besuchte das Gymnasium in Breslau und begann in Leipzig ein Studium der Rechtswissenschaft, das er in Jena fortsetzte. Hier erweiterte er seine musikalische Ausbildung und lernte u.a. bei Johann Nikolaus Bach (Mitglied der großen Bach-Familie) Musiktheorie und das Spiel von Tasteninstrumenten. Danach wirkte er als Lautenist in Jena, Nürnberg, Gotha und Eisenach.

Bild: Johann Wilhelm Stör, Public domain, via Wikimedia Commons

Zu dieser Zeit hatte der preußische Kronprinz Friedrich sein Schloß in Rheinsberg zum Treffpunkt der wissenschaftlichen und künstlerischen Elite gemacht. Er versammelte dort namhafte Musiker um sich, mit denen zusammen er selbst Musik machen konnte, dazu gehörte auch Ernst Gottlieb Baron. Mit Friedrichs Krönung zum Preußenkönig folgte Barons Versetzung nach Berlin. Hier wirkte er bis zu seinem Lebensende in sehr angesehener Position als Lautenist und Theorbist in der wesentlich vergrößerten Hofkapelle.

Neben seinem musiktheoretischen Werk: „Untersuchung des Instruments der Lauten“, auf das man noch heute gern zurückgreift, veröffentlichte Baron vornehmlich Sonaten, einige Kammermusik und zwei Lautenkonzerte. Seine Musik entspricht dem Rokokostil und läßt französische Einflüsse erkennen. Er hatte sich voll und ganz der Affektenlehre verschrieben, mit der er Freude, Trauer und Schmerz ausdrücken und entsprechende Gemütsbewegungen beim Hörer hervorrufen konnte.

Ernst Baron gehört zu den letzten großen Vertretern der Lautenmusik, die er stets gegen zeitgenössische Angriffe zu verteidigen suchte. Mit der Begeisterung für ihr Schaffen haben Musiker wie Ernst Gottlieb Baron die späte Lautenmusik im deutschsprachigen Raum zum Besten gemacht, was diese Epoche je geleistet hat.

Johann Balthasar Reimann

14.06.1702 – Breslau / 1747 oder 1749 – Hirschberg

Der Organist und Komponist Johann Balthasar Reimann wurde als Sohn eines Töpfers geboren. Er bekam eine gründliche Ausbildung als Chorsänger und wurde nach dem Stimmwechsel Hauptchoralist in der Breslauer Neustadt. Er lernte, die Orgel zu spielen, und wechselte nach Hirschberg, wo er bis zu seinem Lebensende tätig blieb.

Reimann veröffentlichte ein Choralbuch mit der Sammlung mehrstimmiger „alter und neuer Melodien“, von denen er eine Vielzahl selbst komponiert hatte und die noch viele Jahre in Schlesien gesungen wurden.

Johann Gottlieb Janitsch

19.06.1708 – Schweidnitz / um 1763 – Berlin

Zu den Hausmusiken, die der preußische Kronprinz in Rheinsberg veranstalten ließ, wurden stets Musiker aus allen deutschen Landen eingeladen, die ihre eigenen Werke zu Gehör brachten oder von der Hofkapelle spielen ließen. Für diese Konzerte hatte der nachmalige König Friedrich II. den aus Schlesien stammenden Johann Gottlieb Janitsch in seinen Musikerkreis berufen.

Janitsch entstammte einer bürgerlichen Familie; er bekam den ersten musikalischen Unterricht an der Lateinschule seiner Heimatstadt Schweidnitz und erweiterte seine Kenntnisse bei Musikern in Breslau. Auf Wunsch des Vaters begann Johann Gottlieb ein Jurastudium in Frankfurt (Oder), wo er erfolgreich mit einigen Huldigungsmusiken und Serenaden auf sich aufmerksam machen konnte. Nach dreijähriger Sekretariatsarbeit im Dienst des preußischen Ministers Franz Wilhelm von Happe berief Kronprinz Friedrich ihn als Contraviolinist in seine Ruppiner Kapelle.

In der anschließenden Rheinsberger Zeit richtete Janitsch halboffene Veranstaltungen ein, die sogenannten „Freitagsakademien“, bei denen auch das allgemeine Bürgertum in den Genuß von Konzerten der Hofkapelle kommen konnte.

Nach Friedrichs Übernahme des Königsthrons und der damit verbundenen Übersiedelung nach Berlin war der wendige Musikus Janitsch nun zuständig für die Ausrichtung von Hofbällen, er mußte die Chöre der Hofoper einstudieren und erstellte selbst Musik für Repräsentationszwecke. So komponierte er u.a. auch Hochzeitsmusik für Friedrichs Lieblingsschwester Prinzessin Wilhelmine.

Ein starker Einfluß im Stil von Johann Gottlieb Graun und von Carl Philipp Emanuel Bach, also im galanten und empfindsamen, sogenannten norddeutschen Stil, ist bei den Tonschöpfungen von Janitsch nicht zu überhören.

Janitsch gehörte zu den Persönlichkeiten, die bemüht waren, ihrem König stets hinreichend dienlich zu sein. Deshalb setzte er in Berlin die öffentlichen Konzerte mit Hof- und Privatmusikern fort. Damit hatte er – im Sinne und zum Gefallen Friedrichs – die bürgerliche Musikpflege vorbereitet. Ja, er hatte mit diesen Musikgesellschaften den Anfang der allgemeinen Berliner Konzertreihen gemacht.

Von den Janitsch-Werken sind nicht nur die Huldigungs- und Trauermusiken zu nennen. Aus seiner Feder stammen auch Kantaten, Orgelsonaten sowie Serenaden, Symphonien, Cembalokonzerte und Kammermusik in unterschiedlich zusammengestellten Streich- und Bläserbesetzungen. Viele Manuskripte dieser Musiken „gelangten mit den Kriegswirren“ ins Staatsarchiv von Kiew; sie wurden zwischenzeitlich zurückgegeben und lagern heute im Archiv der Berliner Sing-Akademie.

Johann Kropfgans

14.10.1708 – Breslau / nach 1769 vermutlich in Leipzig

Johann Kropfgans gehört zu den herausragenden Lautenisten des 18. Jahrhunderts. Er wuchs in einer musikliebenden Familie auf, auch seine Schwester Johanna Leonore war eine berühmte Lautenistin. Den ersten Musikunterricht erhielt Johann vom Vater und von seinem älteren Bruder. Der Breslauer Komponist Ernst Gottlieb Baron bestätigte Johanns außergewöhnliches Talent, das er schon im jugendlichen Alter unter Beweis gestellt habe.

In Dresden konnte Kropfgans – als Schüler des sehr gefragten Lautenlehrers Silvius Leopold Weiss – seine musikalischen Fähigkeiten noch weiter ausbauen und musizierte fortan in der Privatkapelle des Premierministers Heinrich Adolph von Brühl. Als dieser im Zuge korrupter Machenschaften seine Musiker an die Warschauer Residenz August des Starkens vermittelte, löste Kropfgans seinen Vertrag beim Grafen und ging nach Leipzig. Dort wirkte er als freischaffender Musiker und spielte gelegentlich in den „Großen Konzerten“ von Johann Adam Hiller. Hiller ging als frühester Kapellmeister des Gewandhausorchesters in die Musikgeschichte ein. Kropfgans glänzte indes bei seinen Gastspielen als Begleiter von Rezitativen, so daß er immer wieder und überall da gefragt war, wo Opern und Oratorien aufgeführt wurden.

Von Johann Kropfgans sind einige Sonaten, Divertimenti und Trios überliefert; er hatte jedoch wesentlich mehr Lautenmusik komponiert als das, was erhalten geblieben ist.

Georg Gebel der Jüngere

25.10.1709 – Brieg / 24.09.1753 – Rudolstadt

Georg Gebel erhielt sehr früh von seinem Vater, dem Organisten Georg Gebel der Ältere (1685-1750), Musikunterricht und soll seine Begabung schon als sechsjähriges „Wunderkind“ vor einem begeisterten Publikum unter Beweis gestellt haben. Der Vater erteilte den ersten allgemeinen Schulunterricht; anschließend besuchte der Sohn das Gymnasium in Brieg und begann weitere Musikstudien bei dem Komponisten Heinrich Stölzel.

Mit 20 Jahren wurde Gebel Organist in Breslau und bald Kapellmeister des Herzogs Karl Friedrich von Württemberg-Oels. In dieser Zeit entstanden die ersten größeren Kompositionen. Der weitere Lebensweg führte ihn in die Dresdener Kapelle des Grafen Heinrich von Brühl, damit verbunden waren häufig Gastspiele am Hof des polnischen Königs.

Nach zwölfjähriger Tätigkeit als Cembalist an der Brühlschen Kapelle wechselte Gebel nach Rudolstadt in Thüringen. Hier war er mit neuen Aufgaben als hochgeachteter Kapellmeister tätig. Neben seiner Arbeit als ausübender Musiker beschäftigte er sich zudem mit der Malerei.

Gebel war ein äußerst produktiver Tonschöpfer von Musiken mit beachtlichem Wert. Neben zwölf Opern soll er mehr als 100 Sinfonien sowie etliche Cembalokonzerte geschrieben haben. Dazu äußerte sich Johann Adam Hiller allerdings derart, daß er „die Harmonie zwar gründlich verstand; in der Melodie aber die Geschmeidigkeit und Annehmlichkeit nicht hatte, die erfordert wurde, um neben Hasse und Graun einige Figur zu machen“. Von den Werken ist nur ein geringer Teil erhalten geblieben; das mag dazu beigetragen haben, daß der Name des Musikers Gebel in der heutigen Zeit kaum noch bekannt ist.

Johann Ernst Hartmann

24.12.1726 – Groß-Glogau / 21.10.1793 – Kopenhagen

Der deutsch-dänische Komponist Johann Ernst Hartmann war ursprünglich Geiger am fürstbischöflichen Hof zu Breslau, er wurde Kapellmeister der Residenz Rudolstadt und konnte sich schließlich eine Existenz als Konzertmeister im holsteinischen Herzogtum am Schloß in Plön aufbauen. Als dieser Herzog jedoch kinderlos starb, übernahm der dänische König die Residenz. Hartmann ging nach Dänemark und wurde mit offenen Armen am königlichen Hof in Kopenhagen aufgenommen. Mit seinen Tätigkeiten als Lehrer, Dirigent und Musikschöpfer gehörte er zu den Begründern einer eigenständigen dänischen Musik.

Bild: See page for author, Public domain, via Wikimedia Commons

Hartmann war ein enorm vielschaffender Komponist, besonders von Instrumentalmusik. Der überwiegende Teil seiner Werke ging bei einem Großfeuer auf Schloß Christiansborg verloren, so daß damit auch sein Name weitgehend in Vergessenheit geriet.

CD-Hinweis: Johann Ernst Hartmann – Symphonien Nr. 1 – 4 – CPO-3493121 – 7,99 €. Concerto Copenhagen, Leitung: Lars Ulrik Mortensen

Christian Benjamin Uber

20.09.1746 – Breslau / 1812 – Breslau

Im 18. Jahrhundert dehnten sich die Liebhaberkonzerte in bürgerlichen Kreisen immer mehr aus, und es erweiterte sich ständig der Kreis passionierter Musikliebhaber, aus dem oftmals bedeutende Musikerpersönlichkeiten hervorgingen. Als talentierter und hingebungsvoller Amateurmusiker veranstaltete der Regierungsadvokat Christian Benjamin Uber bei sich zu Hause regelmäßig Unterhaltungsabende, die er teilweise mit eigenen Kompositionen ausschmückte und somit die Musikentwicklung seiner Heimatstadt Breslau wesentlich fördern konnte.

Oft werden in einschlägigen Büchern zwei Söhne des Christian Benjamin Uber als große Musiker hervorgehoben: Hermann Uber (1781-1822) wurde in Breslau geboren, studierte wie der Vater Rechtswissenschaften und bekam Musikunterricht bei Daniel Gottlob Türk, einem angesehenen Komponisten, Organisten und Musikpädagogen aus Halle. Er war zunächst Kammermusiker bei Prinz Louis Ferdinand von Preußen, dann Erster Violinist in Braunschweig, Kapellmeister in Kassel und bis zu seinem Lebensende Musikdirektor in Dresden. Seine Kompositionen weisen ihn als Vertreter der Romantik aus.

Der Bruder Alexander Uber (1783-1824) stammte ebenfalls aus Breslau, er war Kapellmeister und ein gefragter Cellovirtuose. Von ihm sind diverse Instrumentalmusiken und einige Lieder überliefert.

Joseph Ignaz Schnabel

24.05.1767 – Naumburg am Queis / 16.06.1831 – Breslau

Im 19. Jahrhundert stand die Pflege der Musik auf einer beachtlichen Höhe. Ständig wurden neue, tüchtige Musiker als Instrumentalisten, Sänger oder gar als Kapellmeister und Musiklehrer hervorgebracht. In der Folge nahm das allgemeine Konzertleben einen merklichen Aufschwung.

Joseph Schnabel entstammte einer weit verzweigten, außergewöhnlich musikalischen Familie aus Schlesien; er war zunächst Dorfschulmeister, ging sodann als Violinist und Organist nach Breslau und stieg dort auf zum Domkapellmeister und Universitätsmusikdirektor.

Joseph Schnabel setzte sich intensiv für die Werke von Haydn und Mozart ein. Das eigene Musikschaffen umfaßt vor allem instrumental begleitete Sakralmusik, die unter dem Begriff „Breslauer Schule“ noch heute große Anerkennung findet.

Der Sohn Joseph war Organist und Musiklehrer in Glogau. Der Neffe Karl war ein anerkannter Pianist und Klavierbauer in Breslau. Beide erhielten ihre musikalische Ausbildung bei Joseph Ignaz Schnabel und schufen eigene Kompositionen. Karls Vater: Michael Schnabel war Musiker und Instrumentenbauer in Breslau; der Großvater war Kantor in Naumburg an der Saale.

Fortsetzung folgt

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Erschienen in Mensch und Maß 2026/01, Seite 28

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